Der Preis, zu heiß? (18. Februar 2026)
Text: Frank Sträter
Preise waren schon immer eine ambivalente Angelegenheit: Mal sind sie zu hoch, mal zu niedrig, manchmal werden sie sogar verliehen. Und wenn es ganz doof läuft, bekommt man einen Preis, den man gar nicht haben will. So etwa den vom Literary Review vergebenen „Bad Sex in Fiction“-Award oder den „Least Worst Public Transit“-Award, mit dem die kanadische Website „The Beaverton“ die Selbstbeweihräucherung der heimischen Nahverkehrsbranche aufs Korn nimmt. Wer so eine „Auszeichnung“ bekommt, stellt schnell fest: Es kann günstiger sein, gar nicht erst in den Genuss eines Preises zu kommen – oder ihn schlicht zu ignorieren.
Beim Deutschland-Ticket ist es genau umgekehrt. Jedenfalls dann, wenn man regelmäßig mit den Öffis unterwegs ist und nicht ausschließlich in Städten wie Augsburg, Erlangen, Pfaffenhofen, Monheim oder Heiligenhafen, wo der ÖPNV komplett oder zumindest in einigen Stadtteilen gratis ist. Das Deutschland-Ticket dagegen muss sich auch nach der jüngsten Preiserhöhung weiter den Vorwurf gefallen lassen, wahlweise zu billig oder viel zu teuer zu sein. Seine Fangemeinde scheint das kaum zu interessieren: Inzwischen nutzen rund 14,6 Millionen Menschen das Ticket, etwa eine Million mehr als ein Jahr zuvor – und das, obwohl Kritiker:innen nach der jüngsten Preiserhöhung von 58 auf 63 Euro pro Monat eine größere Kündigungswelle an die Wand gemalt hatten. Die Realität fiel deutlich nüchterner aus.
Obwohl das Ticket ganze 8,5 Prozent teurer wurde, kündigten lediglich 5,75 Prozent der Nutzenden ihr Abo. Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) ordnet diese Fluktuation zum Jahreswechsel als durchschnittlich ein. Für Volkswirt:innen hingegen ist die Entwicklung ein Indiz dafür, dass das Angebot im Alltag vieler Menschen angekommen ist und sich wie ein Gut des täglichen Bedarfs verhält.
Vielleicht hat das Deutschland-Ticket aber noch aus einem anderen Grund so viele treue Fans: Es steht für einen inneren Wert, der sich nicht in Euro und Cent ausdrücken lässt. Gemeint ist die Freiheit, einfach in Bus oder Bahn zu steigen und irgendwohin fahren zu können – auch wenn man diese Möglichkeit am Ende vielleicht nur selten nutzt. Schätzungen zufolge lohnt sich das Ticket für bis zu ein Drittel der Nutzer:innen nicht. Offenbar ist ihnen das gute Gefühl, jederzeit mobil sein zu können, wichtiger als der Preis pro Fahrt. Für den ÖPNV ist das eine ausgesprochen gute Nachricht.
Von S- zur Smart-Bahn: Wie Hamburg und Berlin Zukunft mach(t)en (2. Februar 2026)
Text: Carsten Hänche
Hamburg und Berlin – rund 280 Kilometer trennen die beiden größten Städte des Landes, ihre Beziehung ist oft geprägt von Rivalität. Doch in Sachen Mobilität rücken sie enger zusammen: Gemeinsam bilden sie nämlich die neue „Metropol-Modellregion Mobilität“. Hamburg trägt den Titel bereits seit 2022, jetzt kommt die Hauptstadt hinzu. Nach der Vereinbarung mit dem Bund wollen beide Städte digitale und vernetzte Mobilitätssysteme gezielt ausbauen – und dabei als Ideengeber für andere Regionen dienen. „Gemeinsam mit dem Bundesministerium für Verkehr möchten Hamburg und Berlin die guten Erfahrungen, Konzeptionen und Projekte ausbauen und dafür nutzen, Ideengeber und Lösungsanbieter zu sein“, heißt es in der gemeinsamen Absichtserklärung.
Dass beide Metropolen Vorreitergeist im Blut haben, zeigt ein Blick in die Geschichte. Berlin gilt als „Mutter der S-Bahn“: Hier startete 1924 das Verkehrssystem, das heute urbane Mobilität prägt. Wenige Jahre später folgte Hamburg – übernahm nicht nur den Namen, sondern auch das Stromsystem der Berliner. Auch technologisch verband beide Städte früh mehr als nur die Schiene. Vor genau 100 Jahren begann zwischen Hamburg und Berlin das Zeitalter des mobilen Telefonierens: In einer kleinen Zugtelefonzelle konnten Reisende Anrufe tätigen oder empfangen. Die Verbindung lief über Antennen auf dem Dach und eine Funkstrecke entlang der Gleise – echte Pionierarbeit im rollenden Netzbetrieb.
Heute knüpft Hamburg an diesen Experimentiergeist an – digitaler denn je. Zum ITS-Weltkongress 2021 startete auf dem 23 Kilometer langen Streckenabschnitt zwischen Berliner Tor und Aumühle der hochautomatisierte S-Bahn-Betrieb. Ein Projekt, das zeigt, wohin die Reise gehen kann: hin zu intelligent gesteuerten, effizient vernetzten Mobilitätssystemen. Ein Blick nach Norden macht deutlich, was möglich ist: Kopenhagen plant, bis 2040 sein gesamtes S-Bahn-Netz vollautomatisch zu betreiben – mit dichterem Takt und höherer Kapazität. 226 neue Züge sind bereits bestellt.
Wann, ja wann? (19. Januar 2026)
Text: Carsten Hänche
Wann ist ein Mann ein Mann? Darüber hat sich schon Herbert Grönemeyer den Kopf zerbrochen. Es gibt aber noch komplexere Fragen. Wann nämlich ist ein Hund ein Hund, der im ÖPNV ein Ticket braucht? Für seine Master-Thesis am Baden-Württemberg Institut für nachhaltige Mobilität hat der Student Marc Le Large bundesweit die Bedingungen und Kosten für die Hundemitnahme im Nahverkehr ermittelt und sogar eigens eine Online-Karte mit den Ergebnissen erstellt. Die verwirrende Antwort auf die Kernfrage der Thesis: Es ist nicht nur überall anders, auch die Preisunterschiede sind enorm. Die Website ist auch ein Lehrstück über die Menge und Vielfalt der Nahverkehrsorganisationen. Das Fazit des Autors: „Wenn wir in eine klimafreundliche Zukunft gehen wollen, müssen wir die Anzahl dieser Organisationen drastisch verringern.“
Wann jemand pünktlich ist und ab wann Unpünktlichkeit beginnt, darüber sollte es eigentlich keine zwei Meinungen geben. Dass es sie doch gibt, zeigt eine YouGov-Umfrage im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Darin bezeichneten sich 90 Prozent der Befragten zwar als grundsätzlich pünktlich. Rein logisch lässt sich damit aber kaum vereinbaren, dass je nach Altersgruppe zwischen 70 und 85 Prozent die Unpünktlichkeit der anderen beklagen. Gefühlte und tatsächliche Pünktlichkeit fallen offenbar auseinander. In gewisser Weise trifft das auch auf die Bahn zu, die Verspätungen bis sechs Minuten noch als „pünktlich“ wertet. Immerhin veröffentlicht die Bahn für die so definierte Pünktlichkeit im Nahverkehr Monat für Monat exakte Werte. 2025 war der Januar der beste Monat (91 Prozent pünktliche Halte an allen Unterwegsstationen und Endbahnhöfen). Am schlechtesten sah es im Oktober und November aus (jeweils 85,2 Prozent).
Wann genau der richtige Tag ist, nur in Unterhosen U-Bahn zu fahren, legt die Londoner Spaßguerilla jedes Jahr neu fest. Sicher ist allerdings: Der „No Trousers Tube Ride“ findet immer kurz nach dem Jahreswechsel statt – in diesem Jahr war es der 11. Januar. Bei der Aktion, die 2002 von New York an die Themse übergeschwappt sein soll, ließen erneut Hunderte die Hüllen fallen. Wer mitmachen will, braucht aber ein U-Bahnticket, mahnen die Initiatoren. Außerdem machen sie darauf aufmerksam, vor Verlassen der Tube die Hosen wieder anzuziehen. Schließlich weht zu dieser Jahreszeit auf der Straße ein kalter Wind!
Berlin trainiert. NRW legt nach. Brüssel prüft. (8. Januar 2026)
Text: Frank Sträter
Mehr Sicherheit, mehr Selbstvertrauen: Personen mit eingeschränktem Geh- oder Sehvermögen sind im Alltag oft mit Barrieren und Herausforderungen konfrontiert, auch im Nahverkehr. Die Berliner Verkehrsgesellschaft (BVG) bietet deshalb regelmäßig Mobilitätstrainings an. Hier lernen Betroffene, wie sie sicher und selbstbestimmt mit Bus, Straßenbahn und U-Bahn unterwegs sind. „Ich weiß genau, wie sich Unsicherheit anfühlt, wenn man neu im Rollstuhl sitzt“, erinnert sich Dennis Vielitz, der 2022 an so einem Mobilitätstraining teilgenommen hat. „Die Unterstützung hat mir damals so viel Mut gemacht.“ Seit 2024 ist Vielitz selbst ehrenamtlicher BVG-Trainer, hat 2025 gemeinsam mit seinen Kolleg:innen rund 200 Personen geschult. Die ersten Termine für Trainings in 2026 sind schon buchbar.
Gute Nachrichten für Fahrgäste gibt es auch in Nordrhein-Westfalen, wo die landesweite Fachkräfte-Offensive nun ihre gewünschte Wirkung entfaltet. Es gibt wieder genug Lokführer:innen und die Einschnitte im Fahrplan werden zurückgenommen: Seit dem Fahrplanwechsel am 14. Dezember fährt der Schienenpersonennahverkehr SPNV im Land wieder volles Programm.
Brüssel ist zwar nicht mit dem SPNV erreichbar, könnte Bund und Ländern bei dessen Finanzierung aber dennoch ziemlich ausbremsen. Jedenfalls dann, wenn der Europäische Gerichtshof (EuGH) in Brüssel die vom Bund beschlossene Trassenpreisbremse kippt. Berlin hat mit einem Gesetz die Preiserhöhungen bei der Schienenmaut für Nah- und Regionalverkehrszüge an die Entwicklung der Regionalisierungsmittel gekoppelt und die Preise dadurch gedeckelt. Das Verwaltungsgericht Köln stellt die Rechtmäßigkeit des Gesetzes in Frage (Az. 18 L 678/24) und bat den EuGH um Prüfung.
Es weihnachtet sehr im Nahverkehr (7. Dezember 2025))
Text: Carsten Hänche
Die Vorweihnachtszeit und der ÖPNV haben mehr Verbindungen als viele vielleicht denken. Der Begriff „Advent“ leitet sich vom lateinischen Adventus ab, was „Ankommen“ bedeutet. Verwirrenderweise ist damit aber nicht Ankunft gemeint, sondern die Wartezeit. Ein Grinch, wer dabei Böses denkt, mit Blick auf den ÖPNV vielleicht sogar an Verspätungen. Ganz im Gegenteil: Die Christkindltram der MVG bummelt nämlich schon seit 30 Jahren zuverlässig an den Adventswochenenden durch die Münchner Innenstadt. Mit an Bord: Glühwein und Lebkuchen für die Fahrgäste. Die Christkindltram ist so beliebt, dass sich Oberbürgermeister Dieter Reiter in diesem Jahr persönlich einmischte, als das Gerücht über eine Online-Reservierungspflicht die Runde machte. „Ich kann Entwarnung geben: Nach Aussage der MVG ist es möglich, auch Tickets ohne vorherige Online-Buchung vor Ort zu kaufen.“
Auch in anderen Städten weihnachtet es sehr im Nahverkehr: In Braunschweig fährt 2025 zum ersten Mal eine Weihnachtstram. Die Ruhrbahn setzt in dieser Saison sogar gleich zwei festliche Straßenbahnen ein, eine in Essen und eine in Mühlheim. Inspirieren ließ sich das Projektteam vom legendären Coca-Cola-Truck – verpasste dem Weihnachtsmann, der auf den Wagons klebt, aber Mantel und Mütze in Ruhrbahn-Gelb. Bei vhh.mobility in Hamburg sind sogar vier Busse unterwegs, die auch im Innenraum für Besinnlichkeit sorgen – mit einem Santa Claus, der kleine Überraschungen verteilt, Haltegriffen in Zuckerstangenoptik und sogar mit einem bunten Weihnachtsbaum. Das hat in der Redaktion die Frage aufgeworfen, wie die Mitnahme von Tannenbäumen im ÖPNV überhaupt geregelt ist. Ergebnis der Recherche: Grundsätzlich ist das möglich, wenn das gute Stück ordentlich verpackt ist, niemanden stört, den Weg nicht versperrt und Bus oder Bahn nicht allzu voll sind. Das letzte Wort hat das Personal. Es bleiben also ein Rest an Uneindeutigkeit und erwartungsvolle Spannung. Aber das gehört an Weihnachten ja schließlich dazu.
Von Bella bis Bernreiter: So sehr begeistert der ÖPNV die Bayern (26. November 2025)
Text: Frank Sträter
Das Timing hätte kaum besser sein können. Kurz vor der Halbzeit des bayerischen Vorsitzes der Verkehrsministerkonferenz haben reiselustige Fahrgäste dem Schienenpersonennahverkehr im Freistaat einen neuen Rekord beschert: Mit insgesamt zwölf Milliarden Personenkilometern ist die Summe aller Wegstrecken, die sie im Jahr 2024 in den SPNV-Linien des Landes zurückgelegt haben, größer als jemals zuvor. „Die Schiene lebt“, bringt Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter, aktuell Vorsitzender der Verkehrsministerkonferenz, den Zuwachs um 16 Prozent auf den Punkt. Dank Deutschlandticket ist die Nachfrage auch außerhalb der Ballungszentren gestiegen, weil dessen Abonnent:innen bevorzugt in Expresszügen mit längerer Wegstrecke und Zügen zu touristischen Destinationen unterwegs sind.
Wie ein Blick in den Landkreis Dachau zeigt, nehmen in Bayern mittlerweile selbst Hunde gerne die Bahn. So geschehen im beschaulichen Bergkirchen, wo sich die vierjährige Mischlingshündin Bella kurzerhand mit der S2 auf den Weg zum Supermarkt im benachbarten Schwabhausen machte. Ob sie es aus freien Stücken und und eigenständig auch wieder zurückgeschafft hätte, konnte die herbeigerufene Polizei zwar nicht ermitteln. Dafür gelang es einer Polizistin, den Beagle-Mix mit Hilfe eines Wiener Würstchens davon zu überzeugen, sich anleinen und anschließend im Streifenwagen wieder nach Hause bringen zu lassen.
Multimodale Kompetenz war auch beim Grundschulwettbewerb „Fit in die Schule, fit für die Zukunft“ gefragt, der erstmals in den MVV-Verbundlandkreisen Bad Tölz-Wolfratshausen, Dachau, Freising, Miesbach und Starnberg ausgetragen wurde. Beim Wettbewerb ging es darum, möglichst selten mit dem Elterntaxi, dafür aber um so öfter zu Fuß, mit dem Roller, dem Rad oder Bus und Bahn zum Unterricht zu kommen. Das Rennen in der Gesamtwertung machten schließlich die Kinder der Ferdinand-Feldigl-Grundschule Jachenau. Sie dürfen nun im rollenden Simulator der S-Bahn München ausprobieren, wie es sich anfühlt, eine S-Bahn zu steuern.


