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Wo die Welt kurz stillsteht

Bushaltestellen erzählen mehr, als ihr Zweck vermuten lässt. Sie spiegeln, wie wir uns organisieren, verweilen und fortbewegen, sind Fenster in die Kultur eines Landes. Diese kleine Weltreise zu den Bushaltestellen dieser Erde zeigt: Auch das Warten kann eine Geschichte erzählen

Text: Daniel Ramm

Foto: Marius Matuschzik

Eine Bushaltestelle ist kein Ziel. Sie ist ein Dazwischen – ein Ort, an dem sich Bewegung verdichtet: Menschen kommen, warten, gehen. Fremde teilen für einen Moment das Wartehäuschen, den Wind, den Blick auf die Straße, bevor sich ihre Wege wieder trennen. Die Bushaltestelle ist ein Raum, der nichts will und doch viel erzählt – von Alltag und Zufall, von Verlässlichkeit und Veränderung.

Und doch ist keine Haltestelle wie die andere. Überall auf der Welt wird das Warten anders gedacht: mal funktional, mal kunstvoll, mal skurril. Manche schützen vor Wüstenhitze, andere trotzen Schnee und Dunkelheit, wieder andere machen das Warten selbst zum Erlebnis. Wer hier innehält, entdeckt mehr als nur Fahrpläne.

Eine Reise zu Bushaltestellen rund um den Globus zeigt: Überall wird dieses einfache Prinzip neu interpretiert – das Ankommen, das Innehalten, das Weiterziehen.

Antarktis

Bushaltestellen am Ende der Welt? Die gab es wirklich: Bis Anfang 2025 transportierte der sogenannte Terra-Bus Ivan vor allem Forschende von der McMurdo Forschungsstation zur benachbarten Scott-Station und zu zwei Flugzeuglandebahnen. Dann wurde das 15 Meter lange, vier Meter hohe und 25 Tonnen schwere, signalrote Allrad-Vehikel nach 30 Jahren ausgemustert. Ersatz ist derzeit nicht geplant. Vielleicht fährt man am Südpol zukünftig ja Taxi.

Deutschland

An rund 217.000 verschiedenen Stellen halten auf Deutschlands Straßen Busse. Zum ersten Mal wurden am 18. März 1895 im Siegerland in Nordrhein-Westfalen Haltestellen angefahren. Zwischen Siegen und Deuz nahm die weltweit erste Motor-Omnibuslinie ihren Dienst auf. Halt wurde damals allerdings nicht an Wartehäuschen gemacht, sondern an Gaststätten, die direkt am Wegesrand lagen.

Das vielleicht stilvollste Wartehäuschen steht in Weil am Rhein: Vor dem Firmengelände des Möbelherstellers Vitra können ÖPNV-Kunden auf Wire Chairs Platz nehmen. Die Designklassiker wurden von Charles und Ray Eames für Vitra entworfen und sind Teil einer minimalistischen Haltestelle aus poliertem Stahl des britischen Designers Jasper Morrison.

Dubai

Bereits seit 2007 wurde ein Großteil der Bushaltestellen im Emirat mit Klimaanlagen ausgestattet. Aus gutem Grund: Im Sommer steigen die Temperaturen dort auf über 40 Grad.

Großbritannien

Die Stadt mit den meisten Bushaltestellen ist London. Es gibt hier mehr als 19.000 Stationen. Einen besonders gemütlichen „Bus Stop“ hat das Örtchen Walkhampton in der südenglischen Grafschaft Devon. Nachdem das Wartehäuschen wiederholt beschädigt und beschmiert wurde, nahm sich ein unbekannter Anwohner ein Herz und verwandelte den unwirtlichen Ort in ein heimeliges Wohnzimmer – mit Sesseln, Kissen, Topfpflanzen und Bildern an den Wänden.

Japan

Auf den Bus in einer riesigen Tomate, Erdbeere, Melone oder Orange warten? In der japanischen Küstenregion Konagai bieten 14 fruchtige Wartehäuschen Reisenden ein Dach – oder vielmehr eine Schale – über dem Kopf. Ursprünglich waren sie Teil einer Ausstellung zum Thema „Reisen“ in Nagasaki im Jahr 1990. In Konagai haben sie sich zu einer beliebten Touristenattraktion entwickelt

Niederlande

Die „grünen Haltestellen“ in den Niederlanden sind kleine ökologische Wunder. Die bepflanzten Dächer speichern bis zu 20 Liter Regenwasser pro Quadratmeter und entlasten so die städtische Kanalisation bei Starkregen.

Singapur

An den Bushaltestellen des südostasiatischen Stadtstaats finden Fahrgäste lediglich Strecken-, aber keine Fahrpläne. Den sechs Millionen Einwohnern (auf nicht mal 730 Quadratkilometern!) ist klar: Der nächste Bus kommt sowieso in spätestens fünf bis zehn Minuten. Die Taktung des ÖPNV ist engmaschig und zuverlässig – auch weil viele Singapurer gar nicht aufs Auto umsteigen könnten. Seit 2018 sind Kfz-Neuzulassungen nicht mehr erlaubt, unter anderem aus Gründen des Umweltschutzes, aber auch aus Platzmangel.

Schweden

Im hohen Norden ersetzen Speziallampen für Lichttherapie beleuchtete Reklametafeln an Bushaltestellen, um Winterdepressionen entgegenzuwirken.

U.S.A.

Im ost-amerikanischen Baltimore haben die örtlichen Verkehrsbetriebe Bushaltestelle ganz wörtlich genommen und drei überdimensionale Buchstaben an die Straße gestellt: B, U und S. Wartende können es sich auf den rund vier Meter hohen und zwei Meter breiten Lettern aus Holz und Stahl bequem machen. Oder sich bei Regen unterstellen – zumindest beim B und beim S.

Dieses Listicle stammt aus dem Report Mobilität in Zahlen, der im September 2025 erschienen ist und den die Redaktion von Brand Eins zusammen mit Statista im Auftrag von ZUKUNFT NAHVERKEHR erstellt hat. Den ganzen Mobilitätsreport mit allen Geschichten, Interviews und Umfrageergebnissen gibt es hier zum Download.

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