Text: Carsten Hänche
Nach wie vor dominiert das Auto die Mobilität vieler Menschen. Aber das Nutzungsverhalten hat sich geändert, stellt die Untersuchung „Mobilität in Deutschland“ fest. Liegt darin eine Chance für den ÖPNV?
Wie sind die Menschen in ihrem Alltag unterwegs? Wann, wohin, warum und auf welche Weise bewegen sie sich fort? 2002 ging die Studie „Mobilität in Deutschland“ diesen Fragen zum ersten Mal nach. Nach 2008 und 2017 ist kürzlich die vierte Ausgabe der Untersuchung im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums erschienen. Zwischen April 2023 und Juli 2024, also nicht lange nach dem Ende der Corona-Pandemie, gaben bundesweit 420.000 Menschen Auskunft über ihre Wege, Ziele und Vorlieben in Sachen Fortbewegung. Herausgekommen ist ein Echolot, das kleine Veränderungen im Mobilitätsverhalten aufzeigt.
Mehr Autos, weniger Autoverkehr
Was in der jüngsten Erhebung besonders auffällt: Der Pkw-Bestand ist zwar auf mehr als 50 Millionen Fahrzeuge angewachsen, die Nutzung aber zurückgegangen. Obwohl es also mehr Autos gab, sind die Menschen weniger mit diesen gefahren. Eine Rolle dabei spielten offenbar der hohe Homeoffice-Anteil unter den Berufstätigen und konjunkturelle Einflüsse zum Ende der Corona-Pandemie. So entfielen 2023/24 nur noch 53 Prozent der zurückgelegten Wege (Fahrende und Mitfahrende) auf den Motorisierten Individualverkehr (MIV). Das ist der niedrigste Wert seit der ersten Erhebung 2002, der Rückgang gegenüber 2017 beträgt vier Prozentpunkte.
Auch die Verkehrsleistung des MIV sank. Sie betrug 2,2 Milliarden Personenkilometer pro Tag, rund 200 Millionen weniger als 2017. Diesem Trend widersetzt haben sich allerdings die Älteren, deren Anteil am Autoverkehr zunahm. „Die Kombination der Alterung der Gesellschaft, der zunehmenden Autoausstattung der Seniorinnen und Senioren und deren im Vergleich zu anderen Altersgruppen zunehmenden Fahrleistung prägt die mit dem Auto in Deutschland zurückgelegten Kilometer immer mehr“, stellt die Studie fest.
Fahrrad- und Fußverkehr legen zu
Klare Gewinner der Mobilitätsentwicklung waren das Fahrrad und das Zufußgehen. Vor allem der E-Bike-Boom hat die Fahrleistung beim Fahrrad seit 2017 um 14 Prozent hochgeschraubt. Und noch stärker, nämlich um ganze 22 Prozent, ist seit 2017 die Verkehrsleistung zu Fuß gewachsen. Dem Forschungsteam zufolge bedeutet dies aber nicht, dass mehr Menschen zu Fuß gingen. Vielmehr legten diejenige, die das schon immer taten, mehr und längere Wege zurück. Ähnlich verhielt es sich bei den Menschen, die regelmäßig aufs Fahrrad steigen. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung hat sogar leicht abgenommen. Gestiegen ist dagegen die Nutzungsintensität.
Der ÖPNV tritt auf der Stelle
Kaum verbessert hat sich der Marktanteil des ÖPNV. Rund elf Prozent aller Wege und 19 Prozent aller Personenkilometer wurden 2023/24 mit Bus oder Bahn, Nahverkehrs- oder Fernzug zurückgelegt. Das liegt auf dem Niveau des Jahres 2017, darf aber trotzdem als Erfolg gelten, weil in den Corona-Jahren die Fahrgastzahlen extrem eingebrochen waren. Dass der Öffentliche Verkehr wieder Anschluss gefunden hat, ist dem Deutschland-Ticket zu verdanken. Bereits zum Zeitpunkt der Befragung 2023/24 gaben 58 Prozent der Nutzenden öffentlicher Verkehrsmittel an, mit dem Deutschland-Ticket unterwegs zu sein. Inzwischen dürften es noch mehr sein. Besonders häufig fand sich das Ticket in den Taschen jüngerer Befragter. Nachholbedarf attestiert die Studie bei älteren, stärker autoorientieren Zielgruppen.
Lässt sich aus diesen Ergebnissen der Schluss ziehen, dass der Umweltverbund aus öffentlichen Verkehrsmitteln, Rad- und Fußverkehr nachhaltig Boden gutmacht? So weit will die Studie nicht gehen und warnt vor voreiligen Interpretationen. Mobilität finde in Routinen statt, und zum Zeitpunkt der Befragung habe sich das System noch nicht wieder in einem eingeschwungenen Zustand befunden. „Einfache Kausalitäten führen auf die falsche Fährte.“
Hohe Erwartungen, viel Enttäuschung
Der ÖPNV habe die an ihn gerichteten Wachstumserwartungen nicht erfüllen können, das Auto dominiere weiter deutlich und werde überwiegend positiv wahrgenommen. „Das leichte Minus bei Verkehrsaufkommen und Verkehrsleistung und die etwas seltenere Autonutzung beruhen nicht auf mehr Zufriedenheit bei alternativen Angeboten“, betont die Studie. Das Gegenteil sei der Fall: „Sowohl die Radfahrbedingungen als auch die Situation im ÖPNV und beim Zufußgehen werden 2023 deutlich kritischer gesehen als 2017.“
Einen möglichen Grund dafür sieht die Untersuchung darin, dass mehr Aufmerksamkeit und Diskussionen rund um die Alternativen zu genauerem Hinsehen und wachsenden Ansprüchen geführt haben. Beispiel ÖPNV: „Zwar hat das Deutschland-Ticket mit einem günstigen Preis und einer einfachen Handhabbarkeit lange bestehende Hürden erheblich reduziert oder ganz beseitigt. Offenbar wiegen jedoch an anderer Stelle weiter bestehende Leistungsdefizite im Urteil der Bevölkerung schwerer.“
Echter Wandel braucht überzeugende Alternativen
Nach Ansicht des Forschungsteams zeigt die Zeitreihe vor allem, „dass sich die Alltagsmobilität nur langsam wandelt und nicht zuletzt von wirklich überzeugenden neuen Angeboten abhängt, die den von vielen Bürgerinnen und Bürgern empfundenen Vorteilen des Autos neue Qualitäten entgegensetzen können.“ Allerdings: Die Umkehr des Vorzeichens beim Autoverkehr sei ein wichtiger Messpunkt gewesen und setze „ein Ausrufezeichen hinter einem notwendigen engmaschigen Monitoring.“
Den Ergebnisbericht der jüngsten Studie „Mobilität in Deutschland“ findet Ihr hier.


