Lesedauer: 3 Minuten

Voll abgefahren

Von verlorenen Glasaugen bis zu übereifrigen Eichhörnchen: acht skurrile und überraschende Fakten über Busse und Bahnen zum Staunen und Weitererzählen

Foto: Shutterstock

Bus und Bahn bringen uns von A nach B – so weit, so gewöhnlich. Doch wer genauer hinsieht, entdeckt zwischen Haltestelle und Endstation ein eigenes Universum: einen Mikrokosmos aus Ritualen, Zufällen und kleinen Dramen. Der ÖPNV ist Forschungslabor, Bühne und Zufallsbegegnung in einem – ein Ort, an dem Statistik und Skurrilität nebeneinander Platz finden. Hier treffen Muster auf Bedeutung, Tiere auf Technik, Menschen auf sich selbst – und manchmal die Demokratie auf den Fahrplan.

Zwischen kreischbunten Sitzmustern, manspreadenden Mitreisenden und verlorenen Spiegelteleskopen zeigt sich der ÖPNV als unterschätzter Chronist unserer Gesellschaft: mal komisch, mal kurios, oft überraschend aufschlussreich. Sogar Diätpläne und Wildschweinliebesleben finden hier ihren Platz – in Geschichten und Studien, die man kaum glauben würde, stünden sie nicht schwarz auf weiß.

In unserer Sammlung haben wir acht Fundstücke aus diesem Mikrokosmos zusammengestellt – Geschichten zum Schmunzeln, Staunen und Weitererzählen. Sie zeigen, dass der Weg durch den Alltag manchmal interessanter ist als das Ziel. Also: einsteigen, Türen schließen, bitte zurücktreten – und mitfahren durch die wunderlichsten Seiten des Nahverkehrs.

Ist hier noch frei?

Forschungen der Yale Universität beleuchten das „Nonsocial Transient Behavior“, also die subtilen Taktiken, die Reisende anwenden, um zu verhindern, dass sich jemand neben sie setzt. Zu den bevorzugten Strategien gehören dabei das Vermeiden von Augenkontakt, das Ausbreiten am Fensterplatz, das Platzieren großer Taschen auf dem leeren Sitz oder sogar das Vortäuschen von Tiefschlaf.

Wo ist denn jetzt bloß …?

Allein in Hamburg gingen 2024 rund 6.300 Schlüssel, 5.400 Portemonnaies und 5.300 Mobiltelefone im ÖPNV verloren. Insgesamt wurden im Zentralen Fundbüro Hamburg rund 43.000 Gegenstände abgegeben. Im Durchschnitt sind das 118 Objekte am Tag. Gegenstände im Wert von weniger als zehn Euro werden für die Statistik nicht registriert. Zu den außergewöhnlichsten Fundstücken in deutschen Bussen und Bahnen gehörten ein Spiegelteleskop, Gebisse, Glasaugen, eine Ohrprothese, Rollstühle, Brautkleider, Musikinstrumente aller Art, Kaffeevollautomaten, Perserteppiche, Golfschläger, Skier, Goldmünzen, Gemälde, eine Richterrobe, ein Stepper, ein meterhoher Elch aus Kunststoff und eine Mappe mit Originalzeichnungen des Architekten Le Corbusier.

Adagio!

Die London Underground führte 2003 klassische Musik in einigen Stationen ein. Berichten zufolge sanken die Raubüberfälle daraufhin um 33 Prozent, Angriffe auf das Personal um 25 Prozent und Vandalismus um 37 Prozent. Der emeritierte Professor für Musik und Wissenschaft Ian Cross von der Universität Cambridge führt die beruhigende Wirkung klassischer Musik darauf zurück, dass sie kontinuierlich und organisiert sei und die Alarmzentren im Gehirn so nur selten aktiviere. Auch in Deutschland gab es immer mal wieder ähnliche Versuche, zum Beispiel in Berlin oder Hamburg.

Mann, Mann, Mann!

Mann, Mann, Mann! Die Masterarbeit einer Studentin der Universität Wien analysierte das „Manspreading“, das breitbeinige Sitzen männlicher Fahrgäste, das den Platz für Sitznachbarn einschränkt. Während Frauen dieses Verhalten oft als rücksichtslos empfinden, argumentieren Männer häufig mit Bequemlichkeit. Die Arbeit legt nun nahe, dass die Weigerung, die Beine zu schließen, weniger mit Komfort als vielmehr mit Unsicherheit und dem Wunsch, nicht „weiblich“ zu wirken, zusammenhängen könnte.

Störungen im Betriebsablauf

Wenn Züge sich verspäten, liegen bleiben oder gar nicht erst abfahren, hat das Gründe, manchmal ziemlich tierische. So sorgte die Kollision mit kopulierenden Wildschweinen für eine sechsstündige Wartezeit auf freier Strecke, weil bei dem Zusammenstoß der Unterbau der Lok weggerissen wurde. Ein allzu tüchtiges Eichhörnchen verursachte wiederum einen Kurzschluss an einer Oberleitung, was zu Zugausfällen führte. Auch Kühe oder Schafe auf den Gleisen halten schon mal den Betrieb auf.

Rechts abgebogen

Eine Studie der Umweltorganisation Greenpeace erkennt einen Zusammenhang zwischen der Qualität des ÖPNV und dem Vertrauen in die Demokratie. In Gemeinden mit einem schlechten Nahverkehrsangebot schneidet die rechtspopulistische AfD bei Wahlen tendenziell besser ab. Das deutet darauf hin, dass die wahrgenommene mindere Qualität des ÖPNV-Angebots das Vertrauen in etablierte Institutionen subtil beeinflussen und potenzielle Auswirkungen auf politische Entscheidungen haben kann.

Statt Diät

Bis zu drei Kilogramm können Pendler im Jahr abnehmen, wenn sie vom Auto auf den ÖPNV umsteigen. Das ergab eine Studie der Universität Pennsylvania. Einfacher Grund: Der tägliche Fußweg zur Haltestelle macht schlank – und der gelegentliche Sprint, um den Anschluss nicht zu verpassen, auch.

Musterrolle

Die kreischbunten Muster der Sitzbezüge in Bus und Bahn sind nicht allein Geschmackssache. Sie dienen dazu, das Auftragen von Graffiti zu erschweren und Verschmutzungen zu verbergen. Eine Sammlung besonders skurriler Sitzbezüge und zu dem Mann, der sie sammelt, findet Ihr hier.

Dieses Listicle stammt aus dem Report Mobilität in Zahlen, der im September 2025 erschienen ist und den die Redaktion von Brand Eins zusammen mit Statista im Auftrag von ZUKUNFT NAHVERKEHR erstellt hat. Den ganzen Mobilitätsreport mit allen Geschichten, Interviews und Umfrageergebnissen gibt es hier zum Download.

Weitere Beiträge