Text: Stefan Carsten
Die deutsche Autoindustrie steckt im Stau. Werke schließen, Jobs werden gestrichen, Absatzkurven kippen nach unten. Und doch ist auf unseren Straßen mehr Bewegung als je zuvor. Nicht, weil wir mehr fahren, sondern weil wir Mobilität komplett neu denken. Was wie eine Krise aussieht, ist in Wahrheit der Auftakt zu einer neuen Ära: Das alte Geschäftsmodell, das immer mehr Autos für immer mehr Menschen produziert, bricht weg.
Neue Formen der Fortbewegung entstehen, weil sich grundlegend verändert, was Menschen wollen und wie sie Mobilität organisieren. Die Mobilität der Zukunft entsteht aber nicht aus einem großen Versprechen, sondern aus dem Zusammenspiel vieler Trends. Hier ein Überblick über die wichtigsten Entwicklungen – und was jetzt konkret zu tun ist.
Back-up Car: Das Auto auf dem Abstellgleis
Das Auto verliert in den Städten seinen Stammplatz. In Deutschland wird das am Beispiel Münchens deutlich: Zwischen 2019 und 2023 wuchs die Bevölkerung um zwei Prozent, der Kfz-Bestand sogar um fünf Prozent. Gleichzeitig sank der Kfz-Verkehr um sechs Prozent, während der Radverkehr um 17 Prozent zulegte. Die Stadt wird also voller, die Zahl der Autos wächst, aber sie stehen immer öfter still, weil sie nur noch an Wochenenden, für den Urlaub oder Sonderfälle genutzt werden. Das Auto ist verfügbar, aber nicht mehr Mittelpunkt des Alltags.
In Paris ist diese Entwicklung noch extremer: konsequenter Ausbau von Radinfrastruktur, Rückbau von Autospuren, Tempo 30 auf fast allen Straßen. Und dennoch bleibt Frankreich das attraktivste Ziel für ausländische Direktinvestitionen in Europa. Ein deutliches Signal dafür, dass die Verkehrswende Standorte nicht schwächt, sondern stärkt. Die Wende ist somit Ausdruck einer ökonomischen Transformation: vom altindustriellen Wohlstandsmodell zum wissensbasierten, digitalen Modell. Wer auf Aufenthaltsqualität, kurze Wege und gute Luft setzt, gewinnt im Wettbewerb um Fachkräfte und Kapital. Wer hingegen nur Straßen baut, hat die Logik der Transformation nicht verstanden.
Für Mobilitätsanbieter verschiebt sich die Wertschöpfung damit grundlegend. Nicht mehr Stückzahlen entscheiden, sondern Zugang, Verfügbarkeit und Integration. Wer künftig Mobilität gestalten will, muss Services orchestrieren – vom klassischen Linienbus über On- Demand-Shuttles bis hin zu Sharing-Angeboten. ÖPNV-Unternehmen, die das verstehen, entwickeln sich nicht durch mehr Linienbusse, sondern durch bessere Verknüpfung aller Modi weiter.
Scooter-Gen: Eine Generation definiert Status neu
Eine neue Generation wächst mit einer völlig anderen Mobilitätsrealität auf. Bevor Jugendliche heute den Führerschein machen, lernen sie verschiedene Verkehrsmittel digital zu kombinieren. Ihre Mobilitätskompetenz liegt in der Orchestrierung: Welche App für welchen Weg? Wie komme ich am schnellsten, flexibelsten, günstigsten von A nach B? Und wie kann ich das alles nahtlos verbinden?
Für viele junge Menschen bleibt das Auto zwar ein Statussymbol, doch Eigentum wird optional. Status entkoppelt sich vom Besitz. Das nächste Fahrzeug muss man nicht mehr besitzen, das kann man doch auch abonnieren, sharen oder leasen. Social Media prägt die Kaufentscheidung stärker als der Händler vor Ort. Die digitale Reputation einer Marke zählt mehr als der Showroom, weil Identität durch Mobilität neu definiert wird.
Mikromobilität ist für die Scooter-Gen kein Spielzeug, sondern ein Werkzeug des Alltags. 47 Prozent der Scooter-Nutzenden geben an, ihr Auto dadurch seltener zu nutzen. Bei den unter 25-Jährigen sind es sogar 40 Prozent, die den Pkw seit der Scooter-Nutzung deutlich weniger brauchen. Der Scooter wirkt als stiller Hebel zur Reduktion des Autoverkehrs: nicht durch Verbote, sondern durch eine bessere Alternative. Und ja: Die Unfallzahlen sind hoch, was eine klare Einladung ist, unsere Städte endlich so zu gestalten, dass neue
Mobilitätsformen sicher Platz finden.
Für Verkehrsverbünde und Mobilitätsplattformen heißt das: Die nächste Generation von Käufer:innen denkt in Portfolios, nicht in Besitztümern. Wer nur Tickets verkauft, womöglich noch am Fahrkartenautomaten, wird diese Zielgruppe kaum erreichen. Erfolg hat, wer Zugang, Flexibilität und digitale Erlebnisse bietet und außerdem ÖPNV, Sharing, Rad und Auto ineinander integriert und natürlich auch Stadt und Land miteinander verbindet.
Mobile Identity: Wenn Mobilität zum digitalen Selbst wird
Mehr als 135 Millionen Menschen nutzen weltweit die Tracking-App Strava. Jede Woche werden rund 51 Millionen Aktivitäten in ihr hochgeladen. Das zeigt: Laufen und Radfahren sind längst nicht mehr bloß Sport, sondern soziale Netzwerke, Identitätsmarker, Statusobjekte. Running Clubs boomen als Antwort auf Einsamkeit: 57 Prozent der 18- bis 35- Jährigen in Europa berichten von moderater bis starker Einsamkeit. Strava verzeichnete 2024 einen Anstieg an Run Clubs um 59 Prozent. Bewegung wird zum Ritual, das Zugehörigkeit stiftet. Das ist Mobile Identity: Mobilität wird zum Spiegelbild des eigenen Lebensstils.
Connected Bikes mit GPS, App-Anbindung und Diebstahlschutz werden zu digitalen Avataren in der Stadt. Die Fahrt zur Arbeit hinterlässt eine Spur, die geteilt, verglichen und gefeiert wird. Mobilität ist damit nicht mehr nur Fortbewegung, sondern Teil der eigenen Identität. Apps wie DB Rad+ belohnen das Radpendeln mit Prämien, Activy gamifiziert Bike-to-Work-Kampagnen, Strava-Daten fließen in die Planung neuer Radwege ein.
Für Verkehrsverbünde und Sharing-Anbieter bedeutet das: Wer Menschen in Bewegung bringen will, muss eine Community schaffen, nicht nur Verkehrsmittel bereitstellen. Kein Verkehrsunternehmen schafft dies eindrucksvoller als die BVG mit ihrer Kampagne #weilwirdichlieben. Wertschöpfung entsteht in Plattformen, Daten, Erlebnissen und der Fähigkeit, Mobilität als Teil des digitalen Lebens zu gestalten. Wenn Mobilität emotional, sozial und digital eingebettet ist, werden aus passiven Fahrgästen aktive Community-Mitglieder.
Chrono Shift: Zeit wird zur Währung
Entscheidend ist heute weniger, wie weit wir kommen, sondern wie lange es dauert – und wie verlässlich diese Zeit ist. Wartezeiten werden laut Verkehrsforschung als zwei- bis dreimal so belastend empfunden wie Fahrzeit. Zeit ist damit nicht nur spürbar, sondern auch eine Gerechtigkeitsfrage. Wohlhabende können sich durch Wohnortwahl, schnelle Verbindungen und flexible Angebote Zeit kaufen. Wer weniger Ressourcen hat, zahlt häufig mit Lebenszeit. Chrono Shift beschreibt diesen Wandel: Zeit wird zur zentralen Währung der Mobilität.
Die 15-Minuten-Stadt macht diesen Wandel räumlich greifbar. Arbeit, Bildung, Einkauf und Freizeit: alles soll per Fuß oder Rad erreichbar sein. Paris baut Straßen entsprechend um, Kopenhagen plant Quartiere als 5-Minuten-Städte. Gleichzeitig optimieren sich Plattformen wie Uber mit Echtzeit-Ankunftszeiten, Amazon regionalisiert seine Logistik für Same-Day-Lieferung, London steuert sein Busnetz über Kennzahlen wie Excess Wait Time und Journey Time, also real erlebte Warte- und Reisezeiten. Zeit wird
messbar, handelbar, vergleichbar – und damit zur neuen Leitgröße von Planung und Angebot.
Human Flow: Wenn das Land mobil wird
Der größte unerschlossene Mobilitätsmarkt Europas liegt nicht in den Metropolen, sondern auf dem Land und im suburbanen Raum. Dort, wo jahrzehntelang das Auto alternativlos war, entsteht gerade etwas Neues: der Human Flow. Gemeint ist ein Wandel weg von starren Fahrplänen und Liniennetzen hin zu Systemen, die konsequent die Mobilitätsbedürfnisse der Menschen in den Mittelpunkt stellen. Intelligente On-Demand-Systeme kombinieren klassische Buslinien mit flexiblen, digital buchbaren Shuttles, senken Wartezeiten, erhöhen Verfügbarkeit und halten die Kosten im Rahmen.
Eine Studie von DB Regio zeigt das Potenzial: 850.000 autonome, in den ÖPNV integrierte Shuttles könnten die Zahl der Verbindungen verdoppeln, die Straßenverkehrsbelastung um 20 Prozent senken und 12 Millionen Pkw überflüssig machen. Die durchschnittliche Wartezeit auf dem Land würde von 26 auf 13 Minuten halbiert, gleichzeitig ließen sich öffentliche Zuschüsse für den ÖPNV um rund 20 Prozent reduzieren. Das ist mehr als Verkehrspolitik – es ist eine demokratische Frage. Es gibt einen messbaren Zusammenhang zwischen mangelnder ÖPNV-Anbindung und höheren Wahlergebnissen rechtspopulistischer Parteien. Wer ländliche Räume mobil macht, stärkt ihre Zukunftsfähigkeit und den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Projekte wie sprinti in der Region Hannover oder KIRA in Darmstadt zeigen bereits heute, wie Human Flow aussehen kann: nahtlos, digital, bedarfsgerecht und perspektivisch autonom. Für Verkehrsverbünde liegt der größte Wachstumsmarkt nicht in der Perfektionierung einzelner Komponenten, sondern in der Integration. Silos werden zusammengeführt statt gestärkt.
KI: Der unsichtbare Orchestrator
Alle diese Trends haben einen gemeinsamen Beschleuniger: künstliche Intelligenz. Kein Mensch kann in Echtzeit die beste multimodale Route berechnen, Verfügbarkeiten prüfen, Preise vergleichen und nahtlos buchen, für jeden Weg, zu jeder Zeit, abhängig von Wetter, Terminen und Verkehrslage. Genau das übernehmen Persönliche Mobilitäts-Assistenten.
In wenigen Jahren wird ein solcher Assistent den eigenen Kalender analysieren, mit den Systemen von Verkehrsunternehmen verhandeln und die optimale Mobilitätskette buchen – während wir schlafen. Er kommuniziert in einer mathematischen Sprache, die rund 100-mal schneller und effizienter ist als menschliche Kommunikation. Waymo fährt bereits heute mehr als eine Million autonome Fahrten pro Monat, orchestriert von Agenten-Systemen. Microsoft stellt Referenzarchitekturen für Mobility Agents bereit, die weltweit zum Einsatz kommen.
Für ÖPNV-Anbieter ist das eine klare Warnung: Wer in der Welt persönlicher Mobilitäts- Assistenten nicht maschinenlesbar ist, wird unsichtbar. Ohne APIs, Echtzeitdaten und nahtlose, digitale Buchung verliert das Unternehmen den Anschluss im Kampf um Fahrgäste bereits, bevor diese überhaupt vom eigenen Angebot erfahren.
Best Practices zeigen, wohin die Reise geht: IndiGo ermöglicht Flugbuchungen direkt im Chat, ohne ein einziges Formular, Amadeus bucht 90 Prozent gestrandeter Passagiere innerhalb von zehn Minuten automatisch um, Expedia verbindet Social-Media-Inspiration und Buchung innerhalb von Sekunden. Die neue Wertschöpfung besteht darin: Flow ermöglichen. Nicht Besitz organisieren, sondern Zugang garantieren. Nicht Tickets verkaufen, sondern Zeit orchestrieren.
Stefan Carsten, 52, beschäftigte sich das erste Mal als Student bei der Daimler AG mit der Frage, wie Städte und Mobilität neu gedacht werden können. Das war Mitte der 1990er-Jahre. Als Projektleiter der unternehmenseigenen Zukunftsforschung konzipierte er später Mobilitätsdienste wie car2go und moovel. Heute berät er Kommunen, Unternehmen und Verbünde auf dem Weg in eine neue Mobilitätswelt. Im März 2026 erscheint sein Buch „Mobility Report 27“, in dem er neben den Trends aus diesem Beitrag auch andere Mobilitätsrevolutionen beschreibt und Tipps gibt, wie man mit diesen umgeht.


