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„Weniger Autos, weniger Staus, mehr Freiraum“

Meike Jipp vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt hat die neue Studie begleitet, die DB Regio zum Thema Autonomes Fahren in Auftrag gegeben hat. Im Interview erklärt sie, warum selbstfahrende Shuttles nicht bloß Technik-Hype sind, wo ihr Einsatz besonders viel Wirkung zeigen würde und was die Deutschen wirklich dazu denken

Interview: Frank Sträter

Frau Jipp, Studien kommen immer wieder zu dem Schluss: Autonomes Fahren verändert unser Leben. Stimmt das wirklich?

Meike Jipp: Heute ist das eigene Auto noch flexibler und schneller als der klassische Nahverkehr. Autonome Fahrzeuge werden das aber ändern, weil sich mit ihnen viel günstiger zusätzliche ÖPNV-Angebote auf die Straße bringen lassen – beispielsweise spontan buchbare ÖPNV-Shuttles, die Sie wenige Schritte vor Ihrer Haustür abholen, um Sie mit anderen Fahrgästen zum Einkaufszentrum oder Bahnhof zu bringen. Ganz gleich, ob es um die Erschließung von Wohnvierteln oder bessere Angebote im ländlichen Raum geht: Das Ergebnis sind flexible Angebote für Bürgerinnen und Bürger, die ohne hohe Kosten für Bund, Länder und Gemeinden zu einer deutlichen Verbesserung des ÖPNV führen. Das zeigt auch unsere neue Studie für DB Regio.

Was bedeutet das ganz konkret für jemanden im ländlichen Raum, der heute ohne Auto oft aufgeschmissen ist?

Meike Jipp: Menschen ohne eigenes Auto werden mobil. Haushalte außerhalb der großen Städte oder am Stadtrand werden besser an Verkehrsnetze angebunden. Insgesamt würden weite Teile der Bevölkerung von einem ÖPNV-Angebot mit bedarfsgerechten Elementen profitieren. In der DB-Regio-Studie findet sich ein Konzept, in dem unterschiedliche Qualitätsstandards für den ÖPNV in Städten, Vorstädten und auf dem Land definiert sind. Diese Standards regeln, wie weit die nächste Haltestelle maximal entfernt sein darf, wie lange man höchstens an dieser wartet und wie oft man auf dem Weg zum Zielort maximal umsteigen muss. Die Fahrt mit dem Nahverkehr sollte außerdem höchstens 50 Prozent länger dauern als mit Auto. Diese Standards werden auch zur Planung und Priorisierung genutzt. Einmal in Betrieb, ergänzt der Bedarfsverkehr dann das Angebot von fahrplangebundenen Expressbussen und die Regionalbahnen, indem er durch seine Zubringerdienste Lücken im Liniennetz schließt.

Viele Menschen denken bei autonomen Fahrzeugen eher an Robotaxis. Die Studie bricht eine Lanze für gemeinwohlorientierte Angebote im öffentlichen Verkehr. Ist diese Vision überhaupt realistisch bei den traditionell niedrigen Nahverkehrsanteilen auf dem Land?

Meike Jipp: Ja, der Anteil des ÖPNV auf dem Land ist gering. Oft gibt es hier nur den Schulverkehr. Aber der in der Studie skizzierte ÖPNV der Zukunft denkt den bisherigen ÖPNV auf dem Land weiter und ergänzt ihn um genau die Elemente, die ihn für viele potenzielle Nutzende attraktiver machen. In Großstädten mit gutem Angebot wird der Nahverkehr täglich von vielen Menschen genutzt. Mit einem verbesserten ÖPNV lässt sich das auch flächendeckend erreichen. Es spricht also einiges dafür, autonomes Fahren in den ÖPNV zu integrieren. Für die Fahrgäste zählt vor allem, dass die autonomen Angebote an ihrem Wohnort verfügbar sind und sie sicher, bequem, schnell und günstig an ihre Ziele gelangen. Linienverkehre mit großen Bussen und auf der Schiene können Hand in Hand mit autonomen Shuttles arbeiten und bieten so ein attraktives Gesamtpaket, das leicht und für alle zugänglich ist. In den sogenannten Robotaxis sitzen ja oft nur einzelne Personen, die sich von Haustür zu Haustür bringen lassen. Das ist dann aber kein öffentlicher Nahverkehr mehr.

Welcher autonome Verkehr sollte denn wo am besten zum Einsatz kommen?

Meike Jipp: In unserer Studie haben wir zwei Szenarien durchgespielt, das Wettbewerb- und das Daseinsvorsorge-Szenario. Im einen werden privatwirtschaftliche autonome Verkehre in Konkurrenz zum ÖPNV betrieben. Im anderen werden sie in den ÖPNV integriert, um das öffentliche Mobilitätsangebot zu verbessern und die Lebensqualität in Metropolen, urbanen und ländlichen Räumen zu erhöhen. Damit würden sie die Daseinsvorsorge stärken, die der ÖPNV ja erfüllen soll. Vor allem für Menschen außerhalb der Ballungsräume wäre das ein großer Gewinn, da es ihnen eine bezahlbare und flächendeckende Mobilität ermöglichen würde. Robotaxis hingegen würden nur in wirtschaftlich lukrativen Gebieten zum Einsatz kommen – und das sind Orte, an denen es schon heute viele Mobilitätsoptionen gibt. Letztlich ist es eine politische Frage, welche Konstellationen gefördert und welche Anforderungen an Betreiber formuliert werden.

Die Studie beschreibt ein Deutschland im Jahr 2045. Wie sieht diese Zukunft für Sie
persönlich aus?

Meike Jipp: Für mich fühlt sich der Alltag in dieser Zukunft entspannt und frei an. Die mentale Last, die die private Mobilität mit dem Auto mit sich bringt und die für viele von uns völlig normal ist, verschwindet. Auf individueller Ebene heißt das im Optimalfall: Keine Parkplatzsuche mehr, keine Werkstattbesuche, keine laufenden Kosten. Bin ich eine Pendlerin oder ein Pendler aus der Umgebung, nutze ich jetzt noch häufiger den ÖPNV, weil es inzwischen so viel einfacher ist. Wenn ich bei der Fahrt aus dem Fenster schaue, sehe ich
viel weniger Autos, weniger Staus und mehr Freiraum für Menschen und Räume, in denen sie sich bewegen. Wohne ich auf dem Land, brauche ich jetzt kein zweites Auto mehr im Haushalt, damit eine Person zur Arbeit kommt, die Kinder zum Sport oder die Großeltern zum Arzt kommen. Senioren bleiben mobil, ohne Angst vor Fahruntauglichkeit. Jugendliche kommen sicher heim, auch ohne Elterntaxi. Kurz: Alltagsmobilität ist im Jahr 2045 kein logistisches Problem mehr, sondern eine Dienstleistung, zu der alle Zugang haben. Laut unserer Studie spart jeder Haushalt damit rund 170 Euro pro Monat.

Autonomes Fahren wird oft sehr technisch diskutiert. Was bewegt die Bürgerinnen und Bürger, denen Sie im Rahmen ihrer Forschung begegnen?

Meike Jipp: In den Pilotprojekten, die wir begleiten, erleben wir wenig Skepsis, sondern vielmehr Interesse und Aufgeschlossenheit. Außerdem vertrauen die Menschen darauf, dass etwas nur dann auf die Straße kommt, wenn es auch wirklich sicher ist. Gleichzeitig sehen sie autonomes Fahren als Teil eines großen Gesamtsystems: Es kommt weniger auf die Technologie an als auf das Mobilitätsangebot, das durch die Technologie entsteht.

Meike Jipp, 47, habilitierte Psychologin, forscht seit 2010 am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) zur Frage, was der Mensch von Verkehrssystemen braucht und wie man die Rahmenbedingungen bestmöglich optimieren kann. Seit 2023 ist Jipp Bereichsvorständin für Energie und Verkehr. Als Beirätin war sie auch an der DB-Regio-Studie „Autonomes Fahren – Schlüssel zur Mobilität von Morgen“ beteiligt.

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